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WEIDELANDSCHAFTEN
Große Pflanzenfresser gestalten Lebensräume

Die naturnahe Beweidung gehört in vielen unserer Projekte zu den prägenden Prozessen – von trockenen Offenlandschaften über Feuchtwiesen und Niederungen bis zu lichten Waldweiden. Der Einsatz von Rindern, Pferden und Wasserbüffeln ist dabei das zentrale Element unserer Weidelandschaften.

Durch Fraß, Bewegung, Tritt, Verbiss und Dung schaffen unsere Tiere ein kleinräumiges Mosaik unterschiedlichster Strukturen. Dabei wirkt jede Tierart auf ihre eigene Weise. Gemeinsam mit Vegetation, Boden, Wasser und Witterung entstehen so lebendige Landschaften, deren Entwicklung sich nicht vollständig vorgeben lässt.

Warum wir beweiden

Große Pflanzenfresser gehören seit Jahrtausenden zu den prägenden Kräften europäischer Landschaften. Auerochsen, Wildpferde, Wisente, Rothirsche und andere Herbivoren beeinflussten durch ihr artspezifisches Verhalten nicht nur die Vegetation durch Fraß, sondern auch durch Tritt, Verbiss, Schälen, Scheuern, Dung und die Verbreitung von Samen. Sie schufen damit immer wieder kleinräumige Störungen, verschoben Konkurrenzverhältnisse zwischen Pflanzenarten und verhinderten lokal, dass sich flächig geschlossene Gehölzbestände dauerhaft durchsetzen konnten.Ihr Einfluss wirkte dabei nie isoliert. Feuer, Hochwasser, Windwurf, Trockenperioden und andere natürliche Störungen öffneten Flächen, auf denen Pflanzenfresser anschließend die weitere Entwicklung mitbestimmten. So konnten sich in vielen Landschaften nebeneinander offene, halboffene und stärker bewaldete Bereiche entwickeln.

 

Wie groß der Anteil großer Pflanzenfresser an der ursprünglichen mitteleuropäischen Landschaft tatsächlich war, wird bis heute wissenschaftlich diskutiert. Während ältere Vorstellungen Mitteleuropa überwiegend als geschlossene Waldlandschaft beschreiben, weisen neuere Ansätze stärker auf die Bedeutung großer Herbivoren und natürlicher Störungen für offene und halboffene Strukturen hin. Unabhängig von dieser Debatte ist gut belegt, dass große Pflanzenfresser Vegetationsstruktur, Artenzusammensetzung und räumliche Vielfalt erheblich beeinflussen können.

 

Mit der Ausbreitung von Landwirtschaft und Viehhaltung übernahmen zunehmend auch die Haustiere einen Teil dieser Funktion. Über Jahrhunderte entstanden durch Hutewälder, Allmenden, extensive Viehweiden und andere traditionelle Nutzungsformen artenreiche Kulturlandschaften, in denen Offenland, Gebüsche, Einzelbäume und lichte Gehölze eng miteinander verzahnt waren.Viele heute besonders wertvolle Arten sind an genau solche dynamischen, strukturreichen Lebensräume gebunden. Fehlt Beweidung über längere Zeit vollständig, können sich konkurrenzstarke Gräser, Hochstauden und Gehölze zunehmend durchsetzen. Niedrigwüchsige Kräuter, offene Bodenstellen und lichtbedürftige Arten verlieren Raum, und mit ihnen verschwinden auch viele Insekten, Reptilien und Vogelarten, die auf ein enges Nebeneinander unterschiedlicher Vegetationsstrukturen angewiesen sind.

 

Unsere Beweidung knüpft an diese Prozesse an. Sie soll Landschaften nicht in einem festen Zustand konservieren, sondern Dynamik zulassen: Bereiche dürfen kurzrasig werden, andere hochwüchsig bleiben, Gehölze sich entwickeln und an anderer Stelle wieder zurückgedrängt werden. Gerade dieses Wechselspiel ist die Grundlage artenreicher Weidelandschaften.​​​

 

Strukturvielfalt schafft Artenvielfalt

Die besondere ökologische Wirkung einer Weidelandschaft entsteht aus ihrer räumlichen Uneinheitlichkeit. Wo große Pflanzenfresser leben, entwickeln sich auf engem Raum sehr unterschiedliche Strukturen: intensiv befressene Weiderasen liegen neben höherer und überständiger Vegetation, Trampelpfade durchziehen die Flächen, an Ruheplätzen entstehen offene Bodenstellen und an Kotplätzen nährstoffreiche Geilstellen. Dornensträucher werden teilweise verschmäht und können sich entwickeln, und in ihrem Schutz können auch wohlschmeckende Bäume als Hutebäume aufwachsen. Spezialisten wie der Wasserbüffel schaffen zudem Suhlen und feuchte Offenstellen und können neue Kleinstgewässer in der Landschaft schaffen.Für viele Arten ist gerade dieses Nebeneinander entscheidend. Kurzrasige, sonnenexponierte Bereiche und offene Bodenstellen erwärmen sich schnell und bieten Lebensraum für wärmeliebende Insekten, Sonnenplätze für die Zauneidechse sowie Keimräume für konkurrenzschwache Pflanzen. Hochstauden und Altgras wiederum bieten Nahrung, Deckung und wertvolle Überwinterungsräume für Eier, Larven und andere Entwicklungsstadien zahlreicher Insekten.

Auch vermeintlich „ungepflegte“ Bereiche können ökologisch besonders wertvoll sein. Auf nährstoffreichen Geilstellen entwickeln sich beispielsweise häufig Brennnesselbestände. Die Große Brennnessel ist eine wichtige Raupenfutterpflanze unter anderem für Tagpfauenauge und Kleinen Fuchs. Disteln gehören zu den besonders ergiebigen Nektarpflanzen und werden intensiv von Wildbienen, Hummeln, Schmetterlingen und anderen Insekten besucht. Dornensträucher bieten Vögeln geschützte Brut- und Rückzugsplätze, während Trittstellen und Suhlen kleinflächig offene oder feuchte Lebensräume schaffen.

 

Gleichzeitig verändern die Weidetiere die Konkurrenzverhältnisse innerhalb der Vegetation. Ohne regelmäßigen Fraß können wenige konkurrenzstarke Arten wie Landreitgras, Aufrechte Trespe oder Kanadische Goldrute dichte Bestände bilden und schwächer wachsende Pflanzen verdrängen. Werden dominante Arten immer wieder zurückgesetzt, erhalten niedrigwüchsige Kräuter und andere konkurrenzschwächere Pflanzen mehr Licht und Raum.Die Wirkung setzt sich über mehrere Ebenen fort: Mit einer vielfältigeren Pflanzenwelt wächst das Angebot an Blüten, Samen, Deckung und Wirtspflanzen für Insekten. Diese wiederum bilden eine wesentliche Nahrungsgrundlage für Vögel, Fledermäuse, Amphibien und Reptilien. Weidetiere beeinflussen damit nicht nur die Vegetation, sondern ganze Nahrungsnetz.

Dung – Schlüssel für ein ganzes Nahrungsnetz

Auch Dung gehört zu den prägenden Elementen einer Weidelandschaft. Denn ein frischer Dunghaufen ist für kurze Zeit ein hochproduktiver Lebensraum. Dungkäfer, Fliegen und zahlreiche weitere Wirbellose nutzen ihn als Nahrung, Brutstätte und Entwicklungsraum. Sie zersetzen das organische Material, arbeiten Nährstoffe in den Boden ein und machen sie wieder für Pflanzen verfügbar.

Gleichzeitig entsteht eine erhebliche Menge an Insektenbiomasse, die wiederum als Nahrung für  Vögel, Fledermäuse, Amphibien, Reptilien und räuberisch lebende Insekten zur Verfügung steht.
 

Diese ökologische Funktion berücksichtigen wir auch bei der Gesundheitsvorsorge unserer Tiere. Auf eine routinemäßige prophylaktische Behandlung des gesamten Bestandes mit Antiparasitika verzichten wir. Einige Wirkstoffe, insbesondere auch aus der Gruppe der Avermectine, werden nach der Behandlung über den Kot ausgeschieden und können dungbewohnende Insekten beeinträchtigen.

Notwendige tiermedizinische Behandlungen bleiben davon unberührt. Entscheidend ist für uns ein gezielter Einsatz nach tatsächlichem Bedarf.

Naturnahe Haltung bedeutet Verantwortung

Naturnahe Beweidung bedeutet nicht, Tiere sich selbst zu überlassen. Denn bei unseren Rindern, Pferden und Wasserbüffeln handelt es sich um Tiere in menschlicher Obhut. Und hier gilt: je wilder die Landschaft umso besser muss das Tiermanagement sein.Unsere Herden werden täglich kontrolliert. Gesundheitszustand, Futterangebot, Wasserversorgung und Zaunanlagen werden so fortlaufend überprüft. Wo Tiere eine Behandlung oder intensivere Betreuung benötigen, können sie am Hof Döberitzer Heide in dafür geeigneten Paddocks, Krankenboxen und kleineren Koppeln versorgt werden.Der eigene landwirtschaftliche Betrieb ermöglicht es uns, Naturschutz und Tierhaltung eng miteinander zu verbinden. Die Tiere sollen möglichst naturnah leben können – gleichzeitig tragen wir als Tierhalter die volle Verantwortung für ihr Wohlergehen.

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